MeRz Theater

 

 

„Beryll sieht in der Nacht“ oder
„Das verlorene und gerettete Alphabet“

Szenische Dichtung von Nelly Sachs

im MeRz Theater

 

Zur Inszenierung:

„Ein Spiel, das nach einer der vielen Sintfluten seinen Beginn nimmt. Das Böhmewort: ›Nichts ist die Sucht nach Etwas‹ weiß um Auferstehung nach jedem Tod – Unverbrauchbarkeit der Schöpfungskraft.“

So beginnt Nelly Sachs ihren Kommentar zu ihrer szenischen Dichtung „Beryll sieht in der Nacht“. Nach ihren eigenen Worten soll in der Darstellung der Versuch gemacht werden, „das Wort mit den Gesten des ganzen Leibes ausatmen, Farbe und Licht geschwisterhaft mitwirken zu lassen.“

Will man dieser Forderung der Dichterin gerecht werden, so bietet sich der Versuch an, Sprechtheater mit Bewegungstheater zu vermischen. Auf diese Weise lassen sich konkrete sprechende Individualitäten von der Darstellung geistiger Kräfte und Wesen unterscheiden.

Regieanweisungen und Bühnenbildvorstellungen der Autorin stellen hohe Anforderungen. Ihre Forderungen scheinen dem zu folgen, was ihr geistiges Auge schaut: eine Arche, die sich öffnet und schließt, die wie eine Lunge atmet - dazwischen tauchen Fernsehbilder auf. Was zur Zeit der Entstehung des Stückes (1961) kaum möglich gewesen wäre, macht moderne Computertechnik inzwischen möglich. So wurde für diese Inszenierung, die -von Schüleraufführungen abgesehen- im Theaterleben offensichtlich eine Welturaufführung darstellt, eine filmische Einspielung als Kulisse hinter den live gespielten Szenen gewählt.

 

Versuch einer Deutung

Diese szenische Dichtung der Nelly Sachs kann als eine poetisch-mystische Umdeutung des 8. Kapitels der Genesis angesehen werden. Es geht in diesem Spiel vor allem um die Rettung des Alphabets, das in der jüdischen Mystik eine große Rolle spielt. Buchstaben sind nicht Zeichen für etwas, sondern verkörpern jeder für sich eigene Qualitäten. Das A ist nicht nur ein abstraktes Symbol, sondern heißt soviel wie „Anfang“ oder „der Mensch am Anfang“, so wie das „B (betha)“ der Mensch in seinem Haus ist. Der groß geschriebene Buchstabe A hat die Gebärde des sich auf die Erde stellenden Menschen in sich, auch enthalten im Fünfstern – dem Symbol für Geburt – der den Proportionen des Menschen entspricht. Im Hebräischen hat das A א eine Öffnung nach oben zum Himmel und eine nach unten zur Erde.

Das B (b) macht eine umhüllende Gebärde. Diese Beschreibungen der Buchstaben (Laute) entsprechen den Bewegungsgebärden der eurythmischen Bewegungskunst. Die Sprache, das Wort, der Laut werden hier als schöpferische Prozesse im Menschen und in der Welt betrachtet. Es liegt nahe, den Beginn des Johannes-Evangeliums heranzuziehen, wo es heißt: „Im Urbeginne war das Wort …“ Die uns umgebende Welt ist gefrorenes Wort. Jedes vom Menschen gesprochene Wort erzeugt Bewegungen in der Luft, die festgehalten, erstarrt, plastische Formen ergeben würden.

In der szenischen Dichtung von Nelly Sachs scheint es um eine Vereinigung oder eine Wiedervereinigung der oberen und der unteren Welt zu gehen, vielleicht somit auch um eine Verbindung des weiblichen und des männlichen Prinzips.

Nelly Sachs sucht in der Mystik Erklärungen für die Abwesenheit Gottes, der ins Exil gegangen ist, um aus seinem Innern eine „neue Welt“ zu schaffen. Das könnte mit dem Ein- und Ausatmen der Arche zusammenhängen, auch mit Ebbe und Flut. Beryll will Gott aus dem Exil herausholen. Er ist einer der 36 Gottesknechte, auf denen das Universum ruht. Als einziger ist er in der Nacht hellsichtig mit seinem Leib aus Stern strahlend. Durch Ertrinken kommt er zum Anfang, zur Selbstaufopferung, zum Hinsterben, um das verlorene Alphabet zu retten, um die Einigung des Namens Gottes vorzubereiten. Der Name Gottes JAHVE besteht aus den fünf Vokalen, die heilig gehalten werden. IAOUE wird als Wort gesprochen zu Jahve. Das Untertauchen in Wasser kennen wir auch im Christentum als religiöse Geste. Es entsteht eine doppelte Bewegung (unten – oben / oben – unten): der Dichter sehnt sich nach Gott – Gott nach dem Dichter. Beryll sät aus Nassem heraus Buchstaben in die Luft, die im Nelly Sachs-Spiel von Netzach, der stumm ist, wieder zusammengesetzt werden, damit ihre geistigen Formen wieder wirksam werden können. Er verkörpert eine Kraft der Sefira (Wirkkraft Gottes), die Sieg genannt wird oder die beständige Dauer Gottes.

Gedulla, ein anderer Teil des Sefirotbaumes, ist als Größe oder Gnade vorzustellen und wird im Stück mit den „Traumwegen der Worte“ zusammengebracht.

Azraela, eine Teufelin, will diese Traumvisionen austilgen, nennt Netzach einen Kehrichtfeger und die Buchstaben Unrat. Sie will das Alpha, das A, den Ursprung, einfangen und ermorden. Als richtende Gewalt erscheint sie von vier Cherubim umgeben.

 

Beryll hebt einen Stein aus dem Wasser und fragt sich, ob er die Erde in der Hand hat oder einen Totenkopf. Er will Vermittler der oberen und unteren Welt durch Schönheit sein, will durch Außer-sich-Geraten das Alphabet, die Urform, das A (vielleicht im Stück der brennende Walfisch) retten. Aus dieser Verschlingung der singenden Konsonanten und Vokale entsteht die Stimme, im Spiel der Nelly Sachs der Zungenbaum, der als Lebensbaum gesehen werden könnte. Beryll will oder er muss den Archebewohnern als Vertreter der Menschheit die Zukunft überlassen. Der Fernsehkommentator stellt immer wieder fest, dass die Menschen schlafen. Er will als falscher Prophet ein Ersatz für Gott werden. Er ist eine negative, kalte intellektuelle Kraft. Aber eine Stimme aus der Arche sagt den Schlaf betreffend: „Vielleicht machen wir Morgen daraus.“

Dieses „Vielleicht“ drückt die Hoffnung bei Nelly Sachs aus, ihre Ablehnung des Endgültigen. Die Welt bedarf immer neuer Schöpfung, sonst verfällt sie wieder in Irrsal. Worte erneuern, sind Schätze des Atems, sind Schöpfer.

 

Im Urbeginne war das Wort,
Und das Wort war bei Gott,
Und ein Gott war das Wort.
Dieses war im Urbeginne bei Gott.
Dort war es, wo alles entstanden ist,
Und nichts ist entstanden
Außer durch das Wort.
Im Worte war das Leben,
Und das Leben war
Das Licht der Menschen.

* MeRz Theater e.V., Brehmstr. 10, 30173 Hannover, Tel. 0511-815603, Fax 0511-8487843 *

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